5. Juni 2021

Online den Gemeinschaftsstrom managen

Eine Software-Plattform der Fachhochschule Technikum Wien soll Privatpersonen den Einstieg in den digitalen Energiemarkt erleichtern. (Raimund Lang / "Der Standard")

Wie lässt sich am besten von überschüssigem Strom, den ein privater Betreiber einer Photovoltaikanlage produziert, profitieren? Eine neue Möglichkeit soll mit den sogenannten „Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften“ kommen. Das sind Zusammenschlüsse von Stromerzeugern und -verbrauchern zu juristischen Einheiten.

Die Teilnehmenden können untereinander mit elektrischer Energie handeln und gemeinschaftlich Anlagen zur Erzeugung und Speicherung von Ökoenergie betreiben. Durch den direkten Handel innerhalb der Gemeinschaft entfällt der Zwischenhändler. Zusätzlich winken finanzielle Vorteile in Form reduzierter Netzentgelte und des Wegfalls der Ökostrompauschale.

Da Energiegemeinschaften zudem auf derselben Netzebene operieren, wird das überregionale Stromnetz nicht belastet. Diese Vorteile sollen dazu motivieren, in Energieerzeugungsanlagen zu investieren und mehr klimafreundlich erzeugten Strom zu nutzen. Die rechtliche Grundlage soll das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG) liefern, das sich derzeit in parlamentarischer Begutachtung befindet.

Überschuss lokal verkaufen

Die Gründung einer solchen Gemeinschaft ist jedoch nicht trivial. Sie erfordert fundierte Kenntnisse des heimischen Strommarktes, seiner Mechanismen sowie des EAG.

Um Privatpersonen, die mit dem neuen Instrument primär angesprochen werden sollen, diese Hürde zu nehmen, entstand das Projekt UCERS (User-Centered Energy Systems). Es findet im Rahmen der Forschungsinitiative Green Energy Lab statt, die via Klima- und Energiefonds vom Klimaschutzministerium gefördert wird, und ist mit 1,22 Millionen Euro dotiert.

„Unsere Plattform begleitet Interessierte mittels Standardisierter Schritte auf dem Weg zur Gründung einer Erneuerbare-Energie-Gemeinschaft“, sagt Kurt Leonhartsberger, Leiter des Kompetenzfeldes Erneuerbare Energiesysteme an der FH Technikum Wien und des UCERS-Programms. Nach der Registrierung lässt sich sofort ein Projekt anlegen. Interessierte können sich dann direkt über die Plattform an dem Projekt beteiligen.

Aufteilungsschlüssel

Die konkreten Ausgestaltungen der Gemeinschaften sind offen und werden in Städten anders aussehen als in ländlichen Regionen. Beispielsweise können mehrere Haushalte einer Ortschaft eine PV-Anlage errichten und gemeinschaftlich nutzen. Auch die zeitlich begrenzte Zurverfügungstellung von Wärmepumpen oder E-Autos als Stromspeicher sind denkbare Optionen.

Dabei müssen die Anbieter von Energie oder Infrastruktur nicht nur den gewünschten Strompreis festlegen, sondern auch einen Aufteilungsschlüssel angeben. Denn vielleicht möchte man bestimmte Stromabnehmer bevorzugt behandeln, etwa in der Nachbarschaft wohnende Verwandte. Die Nutzung einer Gemeinschaftsanlage wiederum könnte abhängig von der Höhe der jeweiligen Investition der Eigentümer organisiert werden.

Initiative von unten

Die Plattform erledigt Prozesse wie Meldungen an Netzbetreiber und Energieversorger automatisiert im Hintergrund. Dafür muss sie an andere Plattformen angebunden sein. Dazu gehören firmenspezifische Kundenportale und die von allen großen Playern des heimischen Energiemarktes genutzte Kommunikationsplattform EDA (Energiewirtschaftlicher Datenaustausch).

Die UCERS-Plattform versteht sich somit als niederschwellige Benutzerschnittstelle zu bestehenden Plattformen der Energiewirtschaft. Ein wesentlicher Teil des Projekts ist deshalb, sich mit den wichtigen Unternehmen und Organisationen abzusprechen, um einerseits Akzeptanz für die Plattform zu gewährleisten und andererseits Doppelentwicklungen zu vermeiden. Derzeit laufen außerdem Gespräche mit dem Klima- und Energiefonds, der in Zukunft das Hosting der Plattform übernehmen könnte.

Auch wenn sich die großen Energieversorger gute Geschäfte von den Gemeinschaften versprechen und eigene gründen werden, ist das Instrument nach dem Willen der EU vorrangig auf die Vorteile der Bürger bedacht. „Die Initiative muss von unten, von den kleinen Anlagenbetreibern und Verbrauchern ausgehen“, sagt Leonhartsberger. „Die Idee ist, im kleinen Rahmen zu beginnen und sukzessive immer mehr Menschen dafür zu begeistern.“

 

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